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Aktuelles

Von links nach rechts: Frank Dastych, Ralf Metzger, Prof. Dr. Thomas Schlegel, Nadine Gersberg, Dr. Stefanie Minkley, Dr. Christian Klepzig.

21.01.2026 | AG SPD 60 plus kümmert sich…

Ärztliche Versorgung im Kreis Offenbach

Wer kennt das nicht? Endlos warten – warten auf den Facharzt-Termin. Der Hausarzt geht in den Ruhestand – niemand kommt nach. Die Psychotherapeutin wechselt in einen anderen Ort – viele stoßen auf eine Versorgungslücke. ÖPNV: magersüchtig.

Monika Lehr-Horch, AG SPD 60 plus Vorsitzende und SPD UB-Vorsitzende Jutta Dahinten hatten perfekt vorbereitet: Plakat, Einladung, sechs fachlich hochkarätige Podiumsteilnehmer und eine Serie verschiedener Fragen mit dem Ziel, für die Situation im Kreis Offenbach zu sensibilisieren. Im Kreis Offenbach fehlen Ärzte. Die SPD kümmert sich. Die Moderation der Podiumsdiskussion in Dietzenbach, Kreis Offenbach am Mittwoch, 21. Januar 2026 übernahm Lothar Binding, Bundesvorsitzender der AG SPD 60 plus – sie hatte den freundlichen Titel: „Ärztliche Versorgung im Kreis Offenbach“.

Lothar Binding bat die Gäste „um etwas Ruhe“, er müsse noch telefonieren. Auf dem Rednerpult stand ein Telefon und er telefonierte und telefonierte – mit einer Computerstimme. Am Ende legte er genervt auf – kein Arzt, keine Ärztin in Sicht. So sei es gut, dass einige Mediziner auf dem Podium säßen und nun zu Wort kommen sollten.

Frank Dastych, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) erklärte zu Anfang recht impulsiv, dass es keine langen Wartezeiten am Telefon gäbe, wenn man einen Termin beim Hausarzt bräuchte und machte auch das Verhalten der Patientinnen und Patienten – jedenfalls teilweise – für die Belastung des Gesundheitssystems verantwortlich: man müsse zwischen Bedarf und Bedürfnis unterscheiden. 

Die nachfolgenden Podiumsteilnehmer wollten dieser Unterstellung, dass viele Patientinnen und Patienten zum Arzt gingen, weil sie ein Bedürfnis danach hätten aber (in Wahrheit) keinen Bedarf – nicht folgen. So war die Diskussion schon nach wenigen Minuten scharf gewürzt. 

Ralf Metzger, Hauptabteilungsleiter der AOK Hessen, mit Sitz in Bad Homburg fordert von der Politik verlässliche Finanzierungsgrundlagen für die gesetzliche Krankenversicherung und schlägt eine bessere Steuerung der Patienten durch das System vor, also ein Primärversorgungsmodell (manchmal auch Primärarztsystem oder Hausarztmodell).

Damit werde der Hausarzt erste Anlaufstelle für Patienten. Durch koordinierte Behandlungen und zielgerichtete Überweisungen zum Facharzt könne das Gesundheitssystem erheblich entlastet werden, Doppeluntersuchungen vermieden und Wartezeiten verkürzt.

Prof. Dr. Thomas Schlegel ist Rechtsanwalt und Professor für Arzt- und Medizinrecht im Fachbereich Gesundheitswirtschaft an der Hochschule Fresenius und Dozent an der Universität Cardiff. Er kritisiert die sektorspezifische Anlage des SGB V und hebt die Notwendigkeit von Interprofessionalität und Interdisziplinarität hervor. Es sei wichtig auf die „Gesundheitsentstehung“ zu achten, bzw. deren Verhinderung etwa durch Rauchen, Alkohol, fehlende Bewegung oder Zucker.

Digitalisierung im Gesundheitswesen sieht er als einen unumkehrbaren Trend, der für individuelle Medizin und personalisierte Gesundheitskonzepte sorgen wird. Traditionelle Strukturen im Gesundheitssektor müssten dringend überarbeitetet werden und die Qualität der Gesundheitsversorgung dürfe nicht durch die Kostenträger (Kassen) definiert werden. 

Nadine Gersberg ist seit 2019 Landtagsabgeordnete von der SPD –  für den Stadt und Landkreis Offenbach. Sie ist Sozialpolitische und Frauenpolitische Sprecherin und besonders auch für die Belange von Kindern, Familien, Senioren und Seniorinnen zuständig. Sie beschreibt, wie wichtig es ist, dass eine Landesregierung – der formal die Zuständigkeit für die Anzahl an Arztpraxen fehlt – indirekt auf die Gesundheitspolitik auf Bundesebene Einfluss nimmt. Dabei sei es wichtig auch regionale Besonderheiten und Bedarfe zu berücksichtigen. Mechanistische oder statistische Antworten gingen zu oft an den tatsächlichen Bedarfen vorbei – jedenfalls wenn man ein gewisses Maß an Empathie für Patientinnen und Patienten mitbrächte.

Dr. Stefanie Minkley ist Chirurgin und seit vielen Jahren politisch in der SPD aktiv. 2022 hat sie in der ARD-Dokumentation „CloseUp – My Doctor’s Life: Tagebuch einer Ärztin, die aussteigt“ die Gründe für ihren Ausstieg aus dem Klinikleben dargelegt. Sie beschreibt eine Reihe von Ineffizienzen, die durch Digitalisierung und beispielsweise Telemedizin vermieden werden könnten. Neben einer Krankenhausreform ist ihr die Prävention wichtig – die Vorbeugung von Krankheiten und Unfällen, um Risiken grundsätzlich zu minimieren und die Gesundheit zu fördern. Ihre politische Antwort zur Verbesserung der medizinischen Versorgung und der finanziellen Stabilität in allen Kreisen und damit auch im Kreis Offenbach, ist die Einführung einer Bürgerversicherung. Weniger Doppelstrukturen, weil alle krank werden können, zahlen alle in die Bürgerversicherung ein und alle haben Anspruch auf die Leistungen. Das System der Bürgerversicherung sei gerechter war ihre Antwort auf die Kritik, mit der Bürgerversicherung spreche man die Zweiklassenmedizin – gesetzliche und private Krankenversicherung – an. 

Dr. Christian Klepzig, Diabetologe, löste seine Diabetes-Schwerpunktpraxis in Offenbach auf und betreibt seit 2022 das MV Mevero in Rodgau, (medizinische Versorgungszentrum in Rodgau) mit vier weiteren Ärzten.

Dieses MVZ ist kein herkömmliches Ärztehaus, in dem Patienten von Kollege zu Kollege geschickt werden, vielmehr spielt dort die soziale Betreuung eine große Rolle  – besonders mit Blick auf alleinstehende Senioren. Angedacht ist die Anstellung einer Gemeindeschwester als wichtige Verbindungsperson zwischen Arzt und Patient. 

Das SGB V werde häufig als „Heilsversprechen – jeder bekommt alles“ missverstanden. Jedenfalls gäbe es „den Luxus vergangener Zeiten künftig nicht mehr“. Einen Lösungsansatz für viele Probleme im Gesundheitssystem sieht er in den MVZ oder den KVZ, den Medizinischen bzw. den Kommunalen Versorgungszentren.

Die sich anschließende spannende Diskussion ist leicht vorstellbar. Zum Abschluss war es einer Besucherin besonders wichtig zu erwähnen, wie sehr sich alle, die im Gesundheitswesen arbeiten, für Patientinnen und Patienten anstrengen, „krummlegen“, speziell, wenn es Ernst werde. Dies wurde einhellig von allen Anwesenden mit kräftigem Applaus unterstützt.